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Über den Wolken: Cloud Computing auf der Suche nach Anwendern
Written by Dr. Thomas Reuner, Geschäftsführer tsm strategies
Oct 20, 2008 at 09:00 AM
Die normalerweise laut und selten bescheiden daherkommende Marketing-Maschinerie der IT Industrie nähert sich dem Thema Cloud Computing mit fast ungewohntem Understatement. Und doch ist der Begriff in der Fachpresse wie auch in vielen Diskussionen in der Industrie so etwas wie das Modewort schlechthin. Diese Wahrnehmung lässt sich womöglich darauf zurückführen, dass das Konzept in einer noch jungen Entwicklungsstufe steckt, gleichzeitig aber auf viel diskutierten Konzepten wie Grid Computing oder Software-as-a-Service (SaaS) aufbaut. Noch entscheidender dürfte aber sein, dass konkrete Anwendungsszenarien bislang nur sehr bedingt potentielle Anwender erreicht haben.
Die mangelnde Wahrnehmung liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Definitionen von Cloud Computing sehr weit auseinandergehen. Im engen Verständnis umfasst der Begriff die Verfügbarkeit von virtuellen Servern bzw. Storage über das Internet. Anbieter wie Amazon oder Nirvanix sind Vorreiter dieses Ansatzes. Andere Definitionen gehen sehr viel weiter und schlieβen alle Dienstleistungen und Applikationen ein, die auβerhalb der Firewall über das Internet in Anspruch genommen werden können. Insbesondere die Protagonisten von SaaS stehen im Zentrum der Diskussionen, etwa Google Apps, Yahoo’s Zimba order Microsoft Live. Was alle diese Definitionen gemein haben, ist dass sie einen möglichen Paradigmenwechsel in der Bereitstellung von Technologien und IT-Dienstleistungen beschreiben. Während die Technologien weitgehend bereitstehen, die Cloud Computing ermöglichen (auch wenn sie noch verfeinert werden müssen), besteht über die Kriterien, die eine Inanspruchnahme derartiger Dienstleistungen beeinflussen, nur wenig Klarheit. tsm strategies sieht drei entscheidende Punkte, welche die Kaufentscheidung beeinflussen können. 1. Skizzierung nachvollziehbarer Nutzungsszenarien, 2. Sicherheitsbedenken und 3. Interoperabilität. Ebenso entscheidend sind die Geschätsmodelle bzw. die wirtschaftlichen Interessen der groβen IT-Anbieter.
Skizzierung von Nutzungsszenarien: Angesichts der jungen Entwicklungsstufe von Cloud Computing mag es vielleicht nicht verwundern, dass die Diskussion bislang eher technologisch als marketingspezifisch gesprägt ist. Die Nutzungsszenarien bzw. die Vorteile, die sich etwa aus Grid Computing und SaaS (und damit auch von Cloud Computing) ergeben können, sind insbesondere bei mittelständischen Unternehmen nur sehr begrenzt angekommen.Trotz der unterschiedlichen Ansätze von Cloud Computing sind die wichtigsten Vorteile fast aller Konzepte: Uneingeschränkte Skalierbarkeit und nutzungsbasierte Abrechnung, sowie die Reduzierug der Fixkosten durch Zugriff auf gehostete Applikationen und Dienstleistungen. Damit sind die Argumentationsmuster allerdings fast deckungsgleich mit denen im Kontext von SaaS. Und die äuβerst zögerliche Inanspruchnahme von SaaS unterstreicht die Problemstellung für Cloud Computing. Denn im Kontext von SaaS werden die Abhängigkeit vom Dienstleister und Sicherheitsbedenken als die wichtigsten Hemmfaktoren im deutschen Markt gesehen. Weitaus optimistischer ist der Ausblick im Bereich von Server- und Storage-Virtualisierung. Die Erfahrungswerte, die mit Virtualisierungstechnologien in Rechenzentren gesammelt wurden, werden die Akzeptanz von externalisierten Virtualisierungsansätzen erhöhen. Dabei ist zu erwarten, dass diese Ansätze eher taktisch zur Abfederung von Lastspitzzeiten sowie im Mittelstand zum Einsatz kommen. Bei strategischen Sourcing Entscheidungen werden sie künftig – wenn überhaupt – zunächst nur komplementär eingesetzt. Wichtigstes Antriebsmoment sind hierbei, wie so häufig bei Outsourcing-Verträgen, kurzfristige Kosteneinsparungen.
Aber entscheidend ist, die Marketingkonzepte im Umfeld von Cloud Computing wie schon bei SaaS nicht zu stark vereinfachend auf die Vision von IT aus der Steckdose zu reduzieren. Um der Realität in den Unternehmen wie auch bei Konsumenten gerecht zu werden, bedarf es vielmehr der Herausarbeitung der Evolutionsstufen in das neue Paradigma Cloud Computing. Und dies bedeutet vor allem überzeugend herauszuarbeiten, wie Cloud-Angebote sowohl mit bestehenden Infrastrukturen als auch mit anderen bereits eingesetzten Sourcing Instrumenten zusammen eingesetzt werden können. Dies bedeutet vor allen Dingen auch, die Geschäftsmodelle wie auch –prozesse der potentiellen Kunden in den Mittelpunkt der Kommunikationsmaβnahmen zu stellen.
Sicherheitsbedenken: Bei den immer wieder vorgebrachten Sicherheitsbedenken geht es weniger um faktische Diskussionen über Zertifizierungen oder Tools wie Amazon’s Service Health Dashboard, sondern vornehmlich um emotional gefühlte Sicherheit. Und diese Emotionalität sollten Anbieter ernst nehmen. Angesichts von Ereignissen wie etwa dem massiven Datendiebstahl bei T-Mobile geht es vielmehr um operative Probleme und gerade auch um die wahrgenommene Abhängigkeit vom Dienstleister bzw. Anbieter. Dies wird auch dazu führen, dass Cloud-Angebote im Infrastrukturbereich sehr viel schneller und umfangreicher angenommen werden.
Interoperabilität: Ähnlich wie mit den Sicherheitsbedenken verhält es sich auch mit der Interoperabilität. Alle Anstrengungen um offene Standards oder Open Source verblassen, wenn man im privaten Bereich mit den Frustrationen eines Vista-Upgrades oder mit Problemen des ISP Providers zu kämpfen hat. Und diese Erfahrungen sind zumeist entscheidender als viele Hochglanzbroschüren über künftige IT-Strategien. Natürlich operieren Unternehmen mit besseren Verfügbarkeiten und umfangreichen Qualitätstests, aber die Erfahrungen im privaten Bereich bleiben emotionale Hemmschwellen. Cloud Computing beschreibt als Vision oder Zielrichtung ein Konzept, in dem IT als Gebrauchsgut verfügbar ist. Doch von dieser Vision sind wir noch einige Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte enfernt. Daran wird auch die immer stärkere Verbreitung von Web 2.0 Applikationen wie etwa Facebook nichts grundlegendes ändern.
Wirtschaftliche Interessen: Der aus der Auβenperspektive spannendste Aspekt von Cloud Computing (als auch vieler seiner Komponenten) ist, wie die groβen etablierten IT-Anbieter mit diesem potentiellen Paradigmenwechsel umgehen werden. Denn verbrauchs- und nutzerbasierte Geschäftsmodelle gefährden die Zukunft der etablierten Procurement- und Lizenzmodelle. Dementprechend haben die groβen IT-Anbieter und Dienstleister (wie schon bei On-demand- oder SaaS-Angeboten) zumeist nur geringes Interesse daran, wirklich bedarfsgerechte Geschäftsmodelle einzuführen. Sie handeln häufig nur dann, wenn sie dazu gezwungen werden. Die Bereitstellung von Applikationen und Dienstleistungen über das Internet bedeutet aber auch, dass dem Desktop und dem Internetbrowser eine noch gewichtigere Rolle zukommen. So ist etwa die Einführung von Google’s Chrome Browser (wie auch dem Android Handy-Betriebssystem) nicht unbedingt auschlieβlich als Breitseite gegenüber Microsoft zu verstehen, sondern vor allem als Gewährleistung dafür, dass nicht nur Internetseiten abgebildet werden können, sondern auch Applikationen über clouds bereitgestellt werden können. Der Kampf um den Desktop, so scheint es, hat erst richtig begonnen.
Fazit: Der Weg in das Zeitalter von Cloud Computing ist deutlich vorgezeichnet. Das Konzept wird sich in den nächsten 5 Jahren vor allem im Infrastrukturbereich etablieren, aber nur graduell in den Applikationsbereich vorstoβen. Da bislang allerdings die verschiedenen Konzepte wie auch die ihnen zugrunde liegenden Komponenten nur unvollständig bei potentiellen Anwendern angekommen sind, kommt auf die Marketingabteilungen der Verfechter von Cloud Computing noch viel Arbeit zu. Es ist weniger die Tonlage, mit der die Konzepte vermittelt werden, als vielmehr die Aufgabe, den Nutzer in den Mittelpunkt der Kommnunikationsstrategien zu stellen. Dies bedeutet insbesondere die Fokussierung auf Geschäftsmodelle und die Integrierbarkeit der Angebote in Geschäftsprozesse. Damit verbunden, bleibt zu hoffen, dass die begriffliche Verwirrung durch Termini wie On-demand, SaaS, Utility, SOA oder Cloud Computing durch ganzheitliche Ansätze aufgehoben wird, die stärker auf Geschäftsprobleme als auf Technologien abheben. Und nur dann wird sich der anfängliche Bodennebel ins Zeitalter von Cloud Computing auflösen.
Kontakt: Dr. Thomas Reuner tsm strategies +44 7535617206